10 Flops und 3 Tops
Liste der 13 berühmtesten (westlichen) Interventionen nach 1945.
Die Interventionen werden nach Erfolg sortiert, basierend auf Zielerreichung, langfristiger Stabilität und Opferzahlen. „Wenigster Erfolg“: Ziele verfehlt, Instabilität verschärft, hohe Opfer. „Größter Erfolg“: Ziele erreicht, Stabilität gefördert, wenige negative Folgen.
(„Eher schlechter“)
1. Invasion Afghanistans (2001–2021, Naher Osten)
– Beschreibung: US-geführte Invasion gegen Taliban/Al-Qaida nach 9/11.
– Folgen: Taliban zunächst gestürzt, 2021 zurück; Chaos, ISIS-Aufstieg.
– Bewertung: Eher schlechter – Keine dauerhafte Stabilität, 20 Jahre Konflikt ohne nachhaltigen Erfolg.
– Opfer: ~47.000 afghanische Zivilisten, ~66.000 afghanische Soldaten/Polizei, ~2.400 US-Soldaten, ~110.000 Taliban/Kämpfer; gesamt ~176.000 Tote.
– Grund: Langfristiges Scheitern (Taliban-Rückkehr), hohe Kosten und Opferzahlen.
2. Invasion Iraks (2003–2011, Naher Osten)
– Beschreibung: US-UK-Invasion gegen Saddam wegen angeblicher Massenvernichtungswaffen.
– Folgen: Saddam gestürzt, Aufstand, ISIS-Aufstieg, Iran gestärkt.
– Bewertung: Eher schlechter – Region destabilisiert, keine Waffen gefunden, hohe Opferzahlen.
– Opfer: ~100.000–200.000 irakische Zivilisten, ~100.000 irakische Kämpfer, ~4.500 US-Soldaten; gesamt ~200.000–300.000 Tote.
– Grund: Falsche Prämissen (WMDs), massive Instabilität und Stärkung Irans.
3. Unterstützung syrischer Rebellen (2011–heute, Naher Osten)
– Beschreibung: USA unterstützten Rebellen gegen Assad im syrischen Bürgerkrieg.
– Folgen: Assad blieb, Krieg verlängert, ISIS-Aufstieg, Flüchtlingskrise.
– Bewertung: Eher schlechter – Ziele verfehlt, Chaos verschärft, globale Auswirkungen.
– Opfer: Gesamtkrieg ~500.000–600.000 Tote (~300.000 Zivilisten, ~200.000 300.000 Kämpfer); US-Unterstützung verlängerte Konflikt indirekt.
– Grund: Verlängerung eines brutalen Kriegs, keine strategischen Erfolge.
4.Unterstützung der saudischen Koalition im Jemen (2015–heute, Naher Osten)
– Beschreibung: USA lieferten Waffen und Logistik gegen Huthi-Rebellen.
– Folgen: Humanitäre Katastrophe, Huthis widerstandsfähig, Iran gestärkt.
– Bewertung: Eher schlechter – Massives Leid, keine strategischen Erfolge.
– Opfer: ~150.000–400.000 Tote (~85.000–100.000 Zivilisten, meist durch
– Grund: Humanitäre Krise, keine Fortschritte gegen Huthis.
5.Vietnamkrieg (1955–1975, Südostasien)
– Beschreibung: USA unterstützten Südvietnam gegen kommunistisches Nordvietnam/Vietcong.
– Folgen: Kommunistischer Sieg, Flüchtlingskrise, US-Glaubwürdigkeit geschädigt.
– Bewertung: Eher schlechter – Ziel verfehlt, Millionen Tote.
– Opfer: ~1,1 Mio. Nordvietnamesen/Vietcong (meist militärisch), ~250.000 Südvietnamesen (meist militärisch), ~58.000 US-Soldaten, ~1–2 Mio. Zivilisten; gesamt ~2–4 Mio. Tote.
– Grund: Totales Scheitern des Zieles, enorme Opferzahlen.
6. Intervention in Libyen (1998, Naher Osten/Nordafrika)
– Beschreibung: US-NATO-Luftangriffe stürzten Gaddafi im Bürgerkrieg.
– Folgen: Libyen zerfällt, Terrorismus und Migration gestiegen.
– Bewertung: Eher schlechter – Kurzfristiger Erfolg, langfristige Instabilität.
– Opfer: 1998 ~10.000–25.000 Tote (~5.000–10.000 Zivilisten, ~5.000–15.000 Kämpfer); Folgekonflikte weitere Tausende.
– Grund: Kurzfristiger Sturz Gaddafis, aber keine Nachkriegsplanung.
7. Angriff auf Irans Nuklearanlagen (2025, Naher Osten, hypothetisch)
– Beschreibung: US-Angriff unter Trump gegen Irans Nuklearprogramm.
– Folgen: Unklare Folgen, Risiko regionaler Eskalation (z. B. Straße von Hormus).
– Bewertung: Eher schlechter – Wahrscheinlich Wiederholung vergangener Fehler.
– Opfer: Keine Daten (hypothetisch); ähnliche Angriffe (z. B. Osirak 1981) wenige Tote, Eskalation könnte Tausende kosten (militärisch/zivil).
– Grund: Spekulative Natur, aber historische Muster deuten auf negative Folgen.
8. Unterstützung Iraks im Iran-Irak-Krieg (1980–1988, Naher Osten)
– Beschreibung: USA unterstützten Saddam Hussein gegen Iran.
– Folgen: Iran gestärkt, Saddam überfiel Kuwait, Irans Nuklearprogramm reaktiviert.
– Bewertung: Eher schlechter – Ziele nicht erreicht, neue Konflikte.
– Opfer: ~500.000–1 Mio. Tote (~250.000–500.000 militärisch pro Seite, ~100.000 500.000 Zivilisten).
– Grund: Stärkung des Gegners (Iran), Kette neuer Konflikte.
9. Sturz von Mossadegh, Iran (1953, Naher Osten)
– Beschreibung: CIA und MI6 stürzten den gewählten Ministerpräsidenten Mossadegh, setzten prowestlichen Schah ein.
– Folgen: Antiwestliche Revolution 1979, Machtübernahme der Mullahs.
– Bewertung: Eher schlechter – Kurzfristige Öl-Kontrolle, langfristige Feindschaft.
– Opfer: Putsch ~300 Tote (militärisch/zivil gemischt); Revolution 1979 ~2.000–3.000 Tote (meist zivil).
– Grund: Langfristige antiwestliche Folgen, geringe direkte Opfer.
10. Partnerschaft mit Saudi-Arabien (1945, Naher Osten)
– Beschreibung: Abkommen zwischen Roosevelt und König Abd al-Aziz für Öl und Sicherheit.
– Folgen: Reichtum Saudi-Arabiens förderte Wahhabismus, führte zu Terrorismus (z.B. 9/11).
– Bewertung: Eher schlechter – Kurzfristige Gewinne, langfristige
– Opfer: Keine direkten Todesopfer; indirekt 9/11 (~2.977 Tote, meist zivil) und weitere Terrorakte.
– Grund: Indirekte Folgen (Terrorismus), geringere direkte Opferzahlen.
(„Eher besser“)
11. Operation Desert Storm (1991, Naher Osten)
– Beschreibung: US-geführte, UN-genehmigte Koalition befreite Kuwait von irakischer Besatzung.
– Folgen: Kuwait befreit, Saddam blieb an der Macht, spätere Konflikte.
– Bewertung: Eher besser – Ziel erreicht, kurzfristige Stabilität, wenige Opfer.
– Opfer: ~20.000–35.000 irakische Soldaten, ~1.000–3.500 irakische Zivilisten, ~300 Koalitionssoldaten, <100 kuwaitische Zivilisten; gesamt ~25.000–40.000 Tote.
– Grund: Klare Zielerreichung, internationale Legitimation, moderate Opferzahlen.
12. NATO-Intervention in Bosnien (1995, Balkan)
– Beschreibung: NATO-Luftangriffe gegen Serben, um Bosnienkrieg zu beenden; Dayton-Abkommen.
– Folgen: Krieg gestoppt, fragile Stabilität in Bosnien.
– Bewertung: Eher besser – Humanitärer Erfolg, Region stabilisiert, wenige Opfer durch Intervention selbst.
– Opfer: Operation ~500 serbische Soldaten, minimale zivile Opfer; Gesamtkrieg (1992–1995) ~100.000 Tote (~40.000 Zivilisten, ~60.000 militärisch).
– Grund: Humanitäres Ziel erreicht, geringe direkte Opfer durch Intervention.
13. Marshall-Plan (1948–1952, Europa)
– Beschreibung: US-Wirtschaftshilfe zum Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg.
– Folgen: Wirtschaftlicher Aufschwung, Stärkung der Demokratien, Eindämmung des Kommunismus.
– Bewertung: Eher besser – Langfristige Stabilität, kein Blutvergießen.
– Opfer: Keine Todesopfer; indirekt Konflikte verhindert.
– Grund: Nachhaltiger Erfolg, keine Opfer, Modell für nicht-militärische Intervention.
Wurde der Stromausfall am Ende tatsächlich durch Spaniens Solarenergie verursacht? Noch ist es zu früh, um diese Frage eindeutig zu beantworten. So oder so könnte er aber ein Ereignis sein, aus dem alle in Europa lernen und ihre Technologien weiterentwickeln können. Nicht weil er zeigt, dass die Energiewende gescheitert ist. Sondern weil er ein Weckruf ist, wie entscheidend dabei auch Stromnetze und Energiespeicher sind.
Die NATO ohne USA und Türkei:
Eine Analyse der Stärke im Vergleich zu Russland
Die NATO ohne die USA und die Türkei wäre eine Allianz mit erheblichen Schwächen, aber auch verbleibendem Potenzial. Von den aktuellen 32 Mitgliedsstaaten (Stand März 2025) würden 30 übrig bleiben, darunter Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Polen. Dieser Artikel untersucht die militärische und wirtschaftliche Lage der NATO ohne diese beiden Schlüsselakteure, insbesondere im Vergleich zu Russland, und berücksichtigt neue Erkenntnisse wie die Verteidigungsausgaben in Kaufkraftparität (PPP).
Der Verlust von USA und Türkei
Die USA sind mit 1,33 Millionen aktiven Soldaten (Statista, 2024), einem Verteidigungshaushalt von 886 Milliarden USD und etwa 1.600 einsatzbereiten Atomsprengköpfen (SIPRI, 2024) das militärische Rückgrat der NATO. Sie stellen über die Hälfte der 22.308 NATO-Flugzeuge (ca. 11.000) und 11 von 15 Flugzeugträgern. Zudem tragen sie 16 % zum NATO-Budget (3,4 Mrd. Euro) und 71 % der Gesamtausgaben (1,2 Bio. USD) bei. Die Türkei hat mit 355.200 Soldaten (IISS, 2024) die zweitgrößte Armee, darunter 260.000 Bodentruppen, und kontrolliert strategisch den Bosporus. Ohne beide verliert die NATO 1,68 Millionen Soldaten – fast die Hälfte ihrer 3,5 Millionen.
Verbleibende militärische Stärke
Die 30 Staaten hätten etwa 1,5–2 Millionen aktive Soldaten, angeführt von Frankreich (202.200), Deutschland (179.850), Großbritannien (141.100) und Polen (164.100). Russland hat 1,32 Millionen aktive Soldaten und 2 Millionen Reserven (Global Firepower, 2025). Konventionell könnte die NATO mithalten, aber o hne US-Kommandostrukturen (z. B. SACEUR) wäre die Koordination fraglich.
Nukleare Abschreckung
Ohne die USA (3.600 Sprengköpfe) bleiben Großbritannien (225) und Frankreich (290) mit 515 Sprengköpfen – weit hinter Russlands 6.490 (1.600 einsatzbereit). Die nukleare Abschreckung der NATO wäre stark eingeschränkt, während Russland eine überwältigende Überlegenheit behält.
Luft- und Seemacht
Die USA stellen etwa 11.000 Flugzeuge. Ohne sie bleiben moderne Jets wie Rafale (Frankreich, 132), Eurofighter (ca. 500) und Gripen (Schweden, 71). Russland hat 4.814 Flugzeuge und S-400-Systeme, die die NATO-Luftabwehr herausfordern könnten. Auf See bleiben ohne US-Marine (11 Träger, 490 Schiffe) etwa 400 Schiffe (Frankreich: 112, Großbritannien: 70), während Russland 781 Schiffe hat, aber nur einen alten Träger (Admiral Kuznetsov).
Strategische Fähigkeiten
Ohne US-Satelliten, Cyberabwehr und Lufttransport (z. B. C-17) ist die NATO auf europäische Systeme wie französische Helios-2-Satelliten angewiesen, die weniger leistungsfähig sind. Russland nutzt GLONASS und S-500-Systeme, was ihm Vorteile in Aufklärung und Abwehr gibt.
Wirtschaft und Verteidigungsausgaben
Das BIP (PPP) der 30 NATO-Staaten beträgt etwa 27 Billionen internationale Dollars (Weltbank/IMF, 2024), verglichen mit Russlands 5,5 Billionen. Nominal geben sie 400–450 Milliarden USD aus (ca. 500–550 Mrd. internationale Dollars), während Russland 6,9 % seines nominalen BIP (2 Bio. USD) investiert – 140 Milliarden USD. In PPP sind das jedoch 380 Milliarden internationale Dollars (6,9 % von 5,5 Bio.), da ein Rubel in Russland mehr kauft (z. B. T-90-Panzer: 2 Mio. USD vs. Leopard-2: 8 Mio. USD). Das schließt die Lücke zur NATO (550 Mrd.) deutlich.
Vergleich mit Russland: Kriegsszenario
Frühe Phase (1–3 Monate): Russlands 380 Milliarden internationale Dollars könnten eine Offensive im Baltikum oder Finnland tragen, unterstützt durch 12.000 Artilleriegeschütze und Raketen (Iskander). Die NATO mit 550 Milliarden internationalen Dollars wäre durch fehlende US-Logistik langsam, könnte aber mit Technologie (F-35) Widerstand leisten.
Mittelfristig (6–12 Monate): Russland könnte durch Reserven und PPP-Effizienz (z. B. billige Munition) Druck halten, während die NATO Linien in Polen oder der Ostsee stabilisiert. Ohne US-Feuerkraft bleibt sie defensiv.
Langfristig (2+ Jahre): Die NATO könnte ihre Wirtschaft (27 Bio. PPP) mobilisieren, aber Energiekrisen (ohne Türkei/USA) könnten sie lähmen. Russland könnte durch Sanktionen oder Erschöpfung kollabieren, trotz PPP-Stärke.
Stärken und Schwächen
Russland: Die 380 Milliarden internationale Dollars zeigen eine hohe Inlandproduktion (z. B. 1.000 Panzer/Jahr) und Autarkie (Öl, Gas). Schwächen sind Logistik (z. B. Ukraine: lange Nachschublinien) und Importabhängigkeit (Elektronik).
NATO: Mit 550 Milliarden internationalen Dollars und 27 Billionen BIP (PPP) hat sie mehr Potenzial, aber ohne USA fehlen Luftunterstützung und Produktionskapazität (z. B. F-35). Politische Uneinigkeit könnte sie bremsen.
Fazit
Die NATO ohne USA und Türkei bliebe mit 1,5–2 Millionen Soldaten und 550 Milliarden internationalen Dollars eine Kraft, aber gegen Russlands 380 Milliarden internationale Dollars und nukleare Überlegenheit verwundbar. Ein Krieg könnte kurz (3 Monate, russischer Sieg) oder lang (2+ Jahre, NATO-Vorteil bei Mobilisierung) sein. Russlands PPP-Stärke macht es früh gefährlich, doch die NATO könnte mit Ausdauer und Wirtschaft gewinnen – wenn sie Energie und Koordination sichert. Ohne USA und Türkei ist die NATO ein Bündnis mit Potenzial, aber ohne ihre frühere Dominanz.
Erster Teil
Aila – Vor der Kolonie
Ich heiße Aila.
Als wir kamen, gab es noch keine Karten für dieses Land. Die Alten sagten nur: „Folge dem Eis und den Tieren.“ Wir zogen mit dem Meer entlang, von Norden her, durch die Inseln, die ihr heute Upernavik‑Archipel nennt.
Wir schlugen unsere Winterplätze dort auf, wo das Eis die Jäger trug und die Sommerplätze, wo das Wasser offen war und die Robben atmeten. Meine Leute bauten Häuser aus Stein und Torf, tief in die Erde, damit die Winde der Baffin Bay uns nicht aus den Träumen bliesen.
Man sagt, wir seien nicht die Ersten gewesen. Andere waren vor uns hier, andere werden nach uns kommen. Aber in den dunklen Nächten erzählten wir von Sedna und von den Tieren, die uns ihr Fleisch gaben, und wir wussten: Solange wir erzählen, gehört dieses Land auch uns.
Naja – Die Fremden in der Ferne
Ich heiße Naja, Silas Tochter, Enkelin von Aila
Als ich ein Mädchen war, erzählten die Alten von Steinen mit fremden Zeichen weiter draußen im Meer, auf einer Insel, die ihr Kingittorsuaq nennt. Sie sagten, dort hätten einst andere Männer ein Zeichen hinterlassen, lange bevor unsere Großeltern geboren wurden.
Später, in meiner Zeit, sahen wir Schiffe aus Holz am Horizont, größer als unsere Träume, doch das Eis hielt sie fern. Sie kamen und gingen, Wale jagend und wieder verschwindend, während unser Leben weiter den Jahreszeiten folgte: Winterhäuser im Schutz der Inseln, Sommerfahrten zu den Jagdplätzen, Kinder, die kamen, und Menschen, die gingen.
Wenn Lawinen oder das Eis uns jemanden nahmen, setzten wir Steine, sprachen Namen in den Wind und vertrauten darauf, dass die Geschichten sie über den Tod hinaus trugen.
Mala – Krankheit ohne Namen
Ich bin Mala, Kiras Tochter, Enkelin von Naja
Ich erinnere mich zuerst an den Geruch. Nicht den vertrauten Geruch von Tran, Fell und nassem Schnee, sondern etwas Süßliches, Schlechtes. Menschen wurden krank, einer nach dem anderen. Sie husteten, brannten vor Fieber und hörten auf zu atmen, noch bevor das nächste Schiff die Bucht erreichte.
Die Fremden nannten es Krankheit, aber für uns war es ein namenloser Sturm, den man nicht sehen konnte. In unseren kleinen Häusern aus Torf und Stein waren wir einander nah – zu nah, wie sie später sagen würden – und was einen traf, traf alle. Ich wusch Körper, bis meine Hände wund waren, und sprach dabei alte Lieder, als könnte jedes Wort den Tod noch einmal aufhalten.
Als mein Mann zu husten begann, floh ich mit meinem jüngsten Kind in eine Höhle über der Küste. Nicht, weil ich mutig war, sondern weil ich nichts anderes mehr wusste. Dort, zwischen Stein und Schnee, lernte ich, jede Nacht die Namen der Toten laut zu sprechen, damit sie nicht in der Stille verschwanden.
Arnajaraq – Die Kolonie nimmt Gestalt an
Ich heiße Arnajaraq, Aputis Tochter, Enkelin von Mala.
In meiner Jugend bekamen die Schiffe Namen, und die Männer an Bord trugen Bücher und neue Regeln. Sie sprachen von einem Ort, den sie „Kolonie“ nannten, auf derselben Insel, an deren Küste wir immer schon lagerten, wenn das Eis im Frühling aufbrach. Sie nannten sie Upernavik – Frühlingsort.
Für uns war es ein neuer Name für ein altes Jagdgebiet. Für sie war es ein Punkt auf einer Karte, eine nördliche Grenze ihres Königs. Sie bauten Häuser aus Holz dort, wo wir unsere Boote an Land zogen, lagerten Vorräte, maßen Felle, füllten Bücher mit Zahlen über Tran und Hunde und Menschen.
Ihre Pastoren erklärten unsere Geister für falsch und stellten ihre eigenen Geschichten an ihre Stelle. Manche von uns ließen sich taufen, andere hielten an den alten Worten fest. Aber alle merkten, dass mit den neuen Regeln auch neue Abhängigkeiten kamen: Gewehre, Mehl, Tee – und Krankheiten, die sie selbst nicht kontrollierten.
Elisibannguaq – Zwischen Kolonie und Zuhause
Ich bin Elisibannguaq, Pipaluqs Tochter, Enkelin von Arnajaraq.
Upernavik war jetzt nicht mehr nur ein Ankerplatz im Frühling. Es war eine Anlage, eine Kolonie, später eine Handelsstation, mit Gebäuden, in denen Dänen schrieben, rechneten und urteilten. Unsere Jäger brachten Robben, Walross und später Heilbutt, und die Bücher in den Häusern am Kai wuchsen dicker mit jedem Jahr.
Mein Vater fuhr auf einem fremden Schiff zur Jagd, um Geld zu verdienen, und kehrte verstümmelt zurück. Für die, die die Löhne zahlten, hatte er seinen Wert verloren; für uns wurde er schwerer zu ernähren. In den Registern der Kolonie stand er als Name und Zahl, bei uns am Herd als Geschichte, die man am Abend leise weitererzählte.
Ich lernte, wann man sprechen durfte – und wann nicht. In der Schule kamen später Buchstaben, erst in unserer Sprache, dann mehr und mehr in der ihren. Zuhause erzählte ich meiner Tochter Ane, was meine Großmutter mir gegeben hatte: nicht nur Geschichten, sondern auch das Wissen darum, wer wir waren, bevor die Pläne anderer Menschen dieses Land erreichten.
Ane – Schule, Sprache und Brüche
Ich heiße Ane, Elisibannguaqs Tochter, Enkelin von Elisibannguaq.
Ich wuchs zwischen zwei Sprachen auf: Kalaallisut in der Küche, Dänisch in der Schule. Man sagte uns, Dänisch sei der Weg in die Zukunft, unsere eigene Sprache etwas, das man höchstens noch daheim verwenden solle. Mit jedem neuen Lehrer schien es normaler zu werden, dass unsere Geschichten nur noch als „Folklore“ galten.
Man nannte es Entwicklung, wenn Kinder aus den Siedlungen in größere Orte oder sogar nach Dänemark geschickt wurden. Einige kamen zurück, mit anderen Worten im Mund und einem Blick, der an uns vorbeiging, als wären wir ein Bild aus einem alten Buch. Sie hatten warmere Häuser gesehen, andere Speisen, andere Regeln – und trugen oft eine Scham mit sich, für die es kein Wort in unserer Sprache gab.
Auch unser Dorf veränderte sich. Entscheidungen wurden in Büros getroffen, oft weit entfernt von unserem Fjord. Wenn Gräber zurückblieben und Häuser versiegelt wurden, blieb uns nur, die Namen derer, die dort ruhten, weiterzuerzählen – gegen das Gefühl, dass man uns aus den Papieren der anderen langsam entfernte.
Ane – Die Spirale
In denselben Jahren sprachen Ärzte von „Familienplanung“. Sie setzten uns Spiralen ein, kleine Dinge aus Metall, von denen sie sagten, sie würden unser Leben leichter machen. Viele von uns wurden nicht gefragt, sondern nur aufgeklärt, wenn es schon geschehen war – manchmal waren wir kaum älter als Mädchen.
Sie nannten es Gesundheitspolitik und Modernisierung. Für uns bedeutete es, dass jemand anders zählte, wie viele Kinder wir haben sollten, und dass unser Körper zu einer weiteren Zahl in ihren Berichten wurde. Erst später hörten wir, wie viele von uns betroffen waren, und wir verstanden, dass es nicht nur uns persönlich betraf, sondern unsere ganze Zukunft als Volk.
Abends, wenn im Haus Ruhe einkehrte, sprach ich mit meiner Enkelin Ivalu darüber. Nicht, um sie nur wütend zu machen, sondern damit sie erkennt, wann eine Entscheidung wirklich ihre eigene ist und wann sie im Namen von Ordnung, Fortschritt oder Wohlstand über sie hinweg getroffen wird.
Ivalu – Upernavik in der Gegenwart
Ich heiße Ivalu, Aputis Tochter, Enkelin von Ane.
Ich lebe im Jahr 2026 in einer Stadt, die es in den Büchern seit 1772 gibt, aber für uns viel älter ist als dieser Eintrag. Upernavik ist heute eine kleine Stadt mit Hafen, Schule, Laden, Kirche und dem nördlichsten Freilichtmuseum der Welt – in den alten Kolonialhäusern wird jetzt die Geschichte erzählt, in der meine Ahnen früher nur am Rand vorkamen.
Wir reden wieder über Land und darüber, wer darüber entscheidet. Manchmal kommen große Angebote von außen – für Ressourcen, für Projekte, für unser Eis. Früher hätte man weit weg darüber entschieden, heute sitzen immer mehr von uns mit am Tisch, in der Gemeinde, im Parlament, in Versammlungen, in denen unsere Sprache gesprochen wird.
Die Häuser sind wärmer geworden, und wir feiern unsere Feste wieder mit dem Wissen, dass sie nicht nur Touristenprogramm sind, sondern Ausdruck einer Geschichte, die länger ist als jede Kolonie.
Abends sitze ich mit meiner Enkelin zusammen. Ich erzähle ihr von Aila, der Namensgeberin ihrer Mutter, und den ersten Zelten am Eis, von Naja und den fremden Steinen, von Arnajaraq und der Kolonie, von Ane und der Spirale. Sie hört zu, wie andere heute Podcasts hören oder Nachrichten scrollen – und doch ist es etwas anderes.
Ich erzähle es nicht als Chronik.
Sondern als Beweis, dass wir geblieben sind – trotz der Karten, Berichte und Gesetze anderer. Und damit sie eines Tages sagen kann: „Ich heiße …“ – und ihren eigenen Namen in diese lange Reihe stellt.
Zweiter Teil
Ich heiße Ivalu, Mutter von Aila, Großmutter von Silas.
Zum ersten Mal in unserer Geschichte ist Energie für uns kein Mangel mehr, sondern ein Überfluss. Unsere Gemeinde hat fast eine Milliarde Euro in geothermische Bohrungen gesteckt – tief unter das alte Gestein, auf dem unsere Häuser stehen –, und nun steht jedem Menschen hier im Norden mehr Strom zur Verfügung, als sich meine Großmutter hätte vorstellen können.
Damit es so weit kommen konnte, mussten wir zuerst verstehen, dass unser Land nicht nur etwas ist, das andere „haben“ wollen – sondern etwas, über das wir verhandeln können. Und dass ein verrückter Wunsch aus dem Süden manchmal die Chance ist, zum ersten Mal wirklich „Nein, aber…“ zu sagen.
Wie der Deal entstand
Der amerikanische Präsident wollte Grönland „haben“, so wie andere früher Inseln und Kolonien gekauft haben.
Mit Gewalt wäre es für sein Militär kein Problem gewesen, aber politisch hätte er fast die ganze Welt gegen sich gehabt. Also brauchte er eine Geschichte, die er zuhause als Geschäft verkaufen konnte – und wir brauchten eine Geschichte, mit der wir uns nicht selbst auslöschen.
In Nuuk, im Parlament, und in vielen Gemeindehäusern wurde plötzlich sehr ernst über eine Idee gesprochen, über die wir vorher nur gelacht hatten:
Wenn sie unser Land unbedingt mit einem Preis versehen wollen – dann schreiben wir diesen Preis selbst auf. Und schreiben dazu, was nicht verkäuflich ist.
Die Linie, die wir gezogen haben
So entstand der Vorschlag, den du jetzt aus dem Geschichtsunterricht kennst:
Wir verkaufen nicht „Grönland“, sondern ein bestimmtes Gebiet – den größten Teil des Inlands und Ostens – an die USA. Die Westküste, unser Band von Siedlungen, Fischerei, Häfen und Geschichten, bleibt in einer 10‑Kilometer‑Zone landeinwärts unser autonomes Gebiet.
Auf den Karten sieht das aus wie eine zerfranste Linie, aber für uns bedeutet es: Die Orte, an denen wir leben, trauern und feiern, bleiben unter grönländischer Kontrolle. Das Hinterland, das andere als Rohstofflager sehen, wird zur Verhandlungsmasse – nicht, weil es uns egal wäre, sondern weil wir wissen, dass unser Leben am Meer hängt.
Loslösung von Dänemark
Von den 450 Milliarden US‑Dollar, die wir verlangten, waren 100 Milliarden für etwas reserviert, das unsere Großeltern für unmöglich gehalten hätten: ein geordnetes Herauslösen aus dem dänischen Reich.
„Wenn sie ein bisschen fair sind, nehmen sie es“, sagten manche. Am Ende nahmen sie es – nicht aus Fairness, sondern weil der Konflikt mit den USA ihnen zu schwer geworden wäre. Für sie war es ein Trostpflaster, für uns das Ende eines Kapitels, das mit Missionaren und Handelsstationen begonnen hatte.
Geld in den Händen der Menschen
Die restlichen 350 Milliarden gingen direkt an uns.
Ein Teil wurde nach Gemeinden und Siedlungen verteilt, ein Teil direkt an jede Person. Für viele sah es zuerst aus wie ein Lottogewinn: plötzlich Summen auf den Konten, von denen man früher nur in dänischen Fernsehsendungen gehört hatte.
Aber es gab genug Erinnerungen an die Zeit, in der Alkohol und leichte Kredite mehr zerstört hatten als Winterstürme. Also wurde heftig gestritten, debattiert, geweint, gelacht – und am Ende beschlossen viele Gemeinden, einen großen Teil ihres Anteils zusammenzulegen, anstatt alles in einzelne Autos, Reisen und Konsum aufzulösen.
Warum Upernavik auf Geothermie setzte
In Upernavik sagte jemand bei einer Versammlung einen einfachen Satz:
„Wenn wir das Geld nur ausgeben, sind wir in zwanzig Jahren wieder abhängig. Wenn wir es in Wärme stecken, gehört uns wenigstens die Grundlage von allem.“
Die Erinnerung an Dieselknappheit, an kalte Häuser und an Rechnungen, die Angst machten, war noch frisch.
Also entschieden wir, fast eine Milliarde Euro in Bohrungen zu stecken – in die Wärme unter unseren Füßen. Experten kamen, weil Studien schon früher gezeigt hatten, dass der Untergrund unter Grönland viel mehr Hitze hergibt, als man lange dachte.
Die Bohrungen waren schwierig. Für die 1 Milliarde bekamen wir Infrastruktur, know how, langfristige Arbeitsplätze und 100MWatt Energie.
So wurde aus einem Deal, der uns eigentlich zum Objekt machen sollte, ein Projekt, bei dem wir zum Subjekt wurden: Wir bauen unsere eigene Energiequelle, nicht um sie zu verkaufen, sondern um uns selbst nie wieder verkaufen zu müssen.
Was mich daran stolz und wachsam macht
Wenn ich heute mit meiner Enkelin auf den Fjord schaue, erzähle ich ihr, dass dieser Weg nicht sauber ist.
Wir haben zugelassen, dass ein anderer Staat über große Teile unseres Hinterlands verfügt. Wir haben Dänemark freigekauft, aber wir haben dafür einen neuen großen Nachbarn sehr nahe an unsere Grenzen gelassen.
Doch ich erzähle ihr auch, dass wir zum ersten Mal in unserer Geschichte gemeinsam entschieden haben, wie wir auf so ein Angebot reagieren – und dass wir das Geld nicht nur dazu benutzt haben, unsere Taschen zu füllen, sondern unsere Häuser, Schulen und Werkstätten warm zu machen. Und dass aus dieser Wärme neue Arbeit, neue Geschichten und vielleicht auch eine andere Art von Stolz wachsen.
„Was musste passieren?“, fragst du mich.
Ein Präsident musste unser Land wie eine Ware behandeln.
Wir mussten lernen, diesen Blick zu erwidern, ohne uns zu verlieren.
Und wir mussten mutig genug sein zu sagen: Wenn schon Preis, dann nennen wir ihn – und sorgen dafür, dass aus diesem einen Geschäft etwas entsteht, das unsere Enkel noch spüren, wenn sein Name längst vergessen ist.
Wärme und Freiheit
Früher bedeutete Wärme Diesel, teure Tanks, Schiffe, die rechtzeitig kommen mussten, und die ständige Angst, dass etwas ausfällt.
Jetzt laufen unsere Häuser, Werkstätten, Schulen, Gewächshäuser und Werkhallen auf einer stillen, inneren Hitze der Erde, die Tag und Nacht fließt – pro Person so viel Leistung, dass wir nicht mehr jeden Heizkörper, jedes Licht, jede Steckdose rechtfertigen müssen. 5kW sind jedem Bürger umsonst garantiert.
Für mich fühlt sich das an wie ein gebrochener Fluch: Generationen lang waren wir abhängig von importierter Energie, von Preisen, die woanders gemacht wurden. Heute ist Energie etwas, das direkt unter unseren Füßen entsteht – und damit auch ein Teil unserer politischen Freiheit.
Ein neuer Alltag in Upernavik
Upernavik war immer ein Ort der Kälte, des Windes, des knappen Raums.
Jetzt wachsen zwischen den bunten Häusern Gewächshäuser, die das ganze Jahr über Gemüse liefern, beheizt von Erdwärme, nicht von Dieselöfen. Kinder lernen in Klassenräumen, in denen die Fenster weit geöffnet sein können, ohne dass jemand an die Heizkosten denkt.
In den Werkstätten stehen neue Maschinen: 3D‑Drucker, Metallbearbeitung, kleine Fabriken für Boote, Geräte und Ersatzteile. Junge Leute, die früher weggezogen wären, weil es keine Arbeit gab, gründen Firmen, reparieren für die Nachbarsiedlungen, programmieren, züchten Fische in warm gehaltenen Becken.
Entscheidungen über Überschuss
Das Verrückte ist: Wir haben mehr Energie, als wir selbst verbrauchen können.
Darüber streiten wir nun. Manche wollen große Rechenzentren, andere Elektrolyseanlagen, die Wasserstoff für Schiffe und Export produzieren, wieder andere wollen zuerst sicherstellen, dass jede Siedlung in unserem Distrikt unabhängig von Diesel wird. Rechenzentren finanzieren inzwischen einen Großteil der laufenden Kosten.
Ich sitze in Versammlungen, in denen wir über Kabel, Leitungen und Verträge sprechen – doch für mich geht es um etwas anderes: darum, dass unsere Kinder nie wieder erleben müssen, was es heißt, im Dunkeln und Kalten zu sitzen, weil irgendwo ein Liefervertrag geplatzt ist.
Erinnern in einer neuen Welt
Die USA haben viel Geld bezahlt, Dänemark hat seinen Anteil bekommen, und auf den Karten der Welt steht jetzt ein anderer Name neben unserem Land.
Aber wenn ich abends mit meiner Enkelin am Tisch sitze, erzähle ich ihr, dass es nicht der Käufer ist, der uns definiert, sondern das, was wir mit dieser neuen Macht tun: mit dem Geld, das wir erhalten haben, und mit der Wärme, die aus dem Boden kommt.
Ich erzähle ihr von Aila, die Namensgeberin ihrer Mutter, die noch im Torfhaus schlief, und von Ane, die eine Spirale bekam, ohne gefragt zu werden. Ich erzähle ihr, dass unsere Familie einst um jedes Stück Holz und jeden Tropfen Öl kämpfen musste – und dass wir heute in einer Zeit leben, in der wir aus eigener Kraft entscheiden, wofür wir eine praktisch unerschöpfliche Energiequelle nutzen.
Mein Weg in die Zukunft ist kein gerader Weg.
Er führt durch Sitzungen, in denen ich „Nein“ sage zu Projekten, die uns wieder abhängig machen würden. Er führt durch Gewächshäuser, in denen meine Enkelin lernt, Tomaten anzufassen, die nicht in Plastik aus Dänemark kommen.
Und er führt durch Geschichten, in denen ich klar mache: Die Wärme unter uns gehört nicht denen, die unser Land bezahlen wollen, sondern denen, die hier bleiben – so wie wir es immer getan haben.