Habeck

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Erneuerbare Energien als geopolitisches Fundament: Eine Dankesrede

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jury,

ich möchte mich von ganzem Herzen dafür bedanken, dass Sie mir die hohe Ehre des Global Leadership Awards zugesprochen haben. Diese Auszeichnung ist nicht nur eine große Freude für mich persönlich, sondern vor allem eine Anerkennung für all jene Menschen, die hart dafür gearbeitet haben, dass die erneuerbaren Energien – und insbesondere die Solarenergie – in Deutschland und Europa wieder den verdienten Aufwind erfahren.

Verzeihen Sie mir bitte, dass ich heute nicht persönlich anwesend sein kann. Ich verbringe diesen Monat an der University of Pennsylvania, um dort unter anderem zum Thema Climate Action zu sprechen. Da dies inhaltlich eng mit dem Klimaschutz verknüpft ist, bitte ich um Nachsicht, dass ich für diese Preisverleihung nicht eigens über den Atlantik fliege. Die eingesparten Tonnen CO₂ stehen unserer gemeinsamen Sache gut zu Gesicht.

Politik ist Teamarbeit: Ein Dank an Patrick Graichen

Mein ganzes politisches Leben lang – ob als Minister in Schleswig-Holstein, als Parteivorsitzender oder als Bundesminister – habe ich versucht, den Ausbau der erneuerbaren Energien gegen Widerstände durchzusetzen und die Mehrheit der Gesellschaft dafür zu gewinnen. Man verliert sich in der Politik leicht in den unzähligen Detailproblemen, sodass man vor lauter Blick auf das kleine Karo den weiten Horizont aus den Augen verliert. Umso mehr danke ich für diesen Preis, der den Blick noch einmal auf das große Ganze richtet.

Als Minister steht der eigene Name meist für alles – für das, was gelingt, und für das, was scheitert. Man trägt die Verantwortung. Doch ich möchte bei dieser freudigen Gelegenheit betonen: Ich hätte in der Bundespolitik nichts bewirken können ohne ein fantastisches Ministerium und die immense Fachkompetenz der engagierten Menschen dort.

Einen Namen möchte ich heute ausdrücklich herausgreifen: Patrick Graichen. Ihm möchte ich diesen Preis widmen. Ohne Patrick wäre Deutschland weder so sicher durch den Krisenwinter 2022/2023 gekommen, noch würde der Ausbau der erneuerbaren Energien heute wieder in diesem Maße vorangehen. Er hatte den Masterplan, die Fachleute im Ministerium hatten das tiefe Wissen. Meine Aufgabe war es im Grunde nur, den Startschuss zu geben und politisch den Rücken freizuhalten. Die eigentliche Knochenarbeit – die Gesetzgebung, das Verhandeln mit den Fraktionen und Ländern – haben andere geleistet. Dieser Preis gehört euch.

Das neue energiepolitische Dreieck

Heute blicke ich von außen auf Deutschland. Ich arbeite derzeit an einem dänischen Institut für internationale Studien in Kopenhagen mit einem starken Schwerpunkt auf Außen- und Sicherheitspolitik. Aus dieser Perspektive wird eines überdeutlich: Erneuerbare Energien sind längst nicht mehr „nur“ Klimaschutzinstrumente.

Unsere historische Aufgabe bleibt es, die globale Erderwärmung so einzubremsen, dass ein menschenwürdiges Leben auf diesem Planeten möglich bleibt. Doch diese Aufgabe wird derzeit überschattet von den Krisen, Konflikten und Kriegen der Gegenwart. Aber selbst wenn man die harten Realpolitiken zum Maßstab nimmt, landet man unweigerlich beim massiven Ausbau der erneuerbaren Energien. Erlauben Sie mir, dies an drei Punkten festzumachen:

1. Die Frage der Bezahlbarkeit Die Europäische Union zahlt jedes Jahr rund 400 Milliarden Euro für fossile Energieimporte. Das ist Geld, das Europa verlässt, das hier keine Wertschöpfung schafft und im Kern die Taschen von Autokraten füllt – allein 80 Milliarden Euro davon stammen aus Deutschland. Stellen Sie sich vor, wir würden nur einen Teil dieser Summe einsparen und stattdessen in heimische Infrastruktur investieren. Die Frage der wirtschaftlichen Bezahlbarkeit würde sich schlagartig völlig anders darstellen.

2. Energie als Waffe Das haben wir im Februar 2022 auf die harte Tour gelernt. Die Milliardenzahlungen für fossile Importe stehen für eine sicherheitspolitische Abhängigkeit, die wir mit hoher Inflation, extremen Verbraucherpreisen und echten Notlagen in der Industrie bitter bezahlt haben. Heimisch produzierter Strom durch Wind- und Solarenergie ist ein essenzieller Beitrag zur energiepolitischen Sicherheit und Unabhängigkeit.

3. Flexibilität als wahre Herausforderung Wir müssen aufpassen, dass wir in der Infrastruktur nicht die falsche Debatte führen. Ja, die Sonne scheint nachts nicht, und der Wind weht nicht immer. Wir werden Moleküle brauchen – erst Gas, dann Wasserstoff. Doch die eigentliche Aufgabe der Zukunft ist Flexibilität. Laut Bundesnetzagentur benötigen wir in Deutschland bis 2030 rund 30 Gigawatt an flexiblen Techniken wie Batteriespeichern, Elektrolyse und Power-to-X. Bis 2035 sollen es bereits 60 bis 70 Gigawatt sein. Hier muss das Kapital fließen. Die rasante technologische Skalierung von digitalen Netzen und Heimspeichern steht jetzt im Mittelpunkt.

Europas Rolle in der Weltwirtschaft

Oft wird das Bild gemalt, Europa würde den Anschluss verlieren. Wer sich jedoch die globalen Investitionen der letzten zehn Jahre ansieht, stellt fest: Rund 80 Prozent der Energieinvestitionen fließen mittlerweile in erneuerbare Energien, Speicher und Effizienztechnologien. Die Weltwirtschaft hat sich längst entschieden. Es ist ökonomisch ein Irrweg, fossile Strukturen künstlich konservieren zu wollen. Europas Aufgabe muss es sein, Innovationen voranzutreiben und dieses Wissen in starken Partnerschaften in die Welt zu exportieren.

Das energiepolitische Zieldreieck – Versorgungssicherheit, Klimaschutz, Bezahlbarkeit – wird im Englischen oft als Trilemma bezeichnet; in der Annahme, man könne stets nur zwei von drei Zielen erreichen. Doch wir können es auch einfach als Triangle – als echtes Dreieck – begreifen. Eine chinesische Kollegin erklärte mir kürzlich, warum man in China so gerne mit der deutschen Dialektik arbeite: „Wenn etwas auf drei Beinen steht, dann steht es fest.“

Genau so sollten wir das energiepolitische Dreieck heute verstehen. Es ist ein festes Standbein für unsere Zukunft, und die Solarenergie hat darin ihren unverrückbaren Platz. Dieser Preis ist mir ein großer Ansporn, genau daran weiterzuarbeiten.

Vielen Dank!

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